Am 25. April 2019 um 08:30 Uhr starteten acht Mitglieder der Wandergruppe mit zwei PKWs zu einer kleinen Ostfriesland-Rundfahrt. Als Ziele hatte Dieter E. die kleine Dorfkirche in Holtland, die Klosterstätte Ihlow und die Kirche in Suurhusen ausgewählt.

Gegen 11:00 Uhr traf die Gruppe in Holtland ein; Pastor Grundmann – mit dem bereits im Januar eine kleine Führung durch seine Kirche vereinbart worden war –begrüßte uns vor der Kirche.     Die Wahl war auf diese Kirche aus dem 13. Jh. gefallen, weil sie drei für Ostfriesland typische bau- und kunstgeschichtlich interessante Dinge vorweisen kann. Als Erstes haben wir hier einen Glockenturm ist vom sog. „Parallelmauertyp“. Ein solcher Turm besteht – je nach Zahl der unterzubringenden Glocken – aus zwei bis vier parallel nebeneinanderstehendes starkes Mauern, zwischen denen jeweils eine Glocke hängt. Ein komplizierter und aufwändiger Glockenstuhl ist dabei nicht nötig. Das Glockenjoch liegt einfach in seinen auf den Mauern befestigten Lagern. Diese Art Turm eignet sich besonders bei weichem Baugrund, auf dem ein „üblicher“ Glockenturm vom sog. „geschlossenen Typ“ durch die horizontal wirkenden Kräfte der schwingenden Glocken u. U. zum Abreißen vom Langhaus oder auch zum Einsturz kommen kann.

Als Zweites befindet sich im Innern der Kirche ein romanischer Taufstein vom „Bentheimer Typ“. Er stammt aus dem 12. Jh. und ist älter als die Kirche, vermutlich stand er schon in einem Vorgängerbau. Von diesen Taufsteinen wurden vom 11. bis zum 13. Jh. in den Sandsteinbrüchen von Bentheim und Gildehaus etwa 120 Stück hergestellt. Während des langen Zeitraumes hat sich die Form nur unwesentlich verändert, die Dekore dagegen wurden dem Zeitgeschmack angepasst und immer weiter verfeinert. Verbreitet sind die schweren Bentheimer Taufsteine hauptsächlich dort im Küstengebiet, wo sie auf den schiffbaren Flüssen wie Ems, Hase, Vechte und Ijssel transportiert werden konnten.

Eine dritte Besonderheit war schon in Vergessenheit geraten und wurde erst in den letzen Jahren von den Kunsthistorikern wiederentdeckt: bei ostfriesischen Dorfkirchen oft zu findende, zumeist im Bereich des Ostchores oder der Ostapsis angeordnete kleine Fenster oder nur schmale Maueröffnungen: Hagioskope, auch Leprosenfenster oder Lepraspalten genannt. Im 13. Jh. überzog die Lepra das Land an der Nordseeküste, möglicherweise durch heimkehrende Seeleute eingeschleppt. Die infektiöse Krankheit ist auch als „Aussatz“ bekannt, denn die Erkrankten mussten außerhalb der menschlichen Gesellschaft leben, sie waren „ausgesetzt“. Nur an Sonn- und Feiertagen durften diese Menschen vom Friedhof aus durch das Hagioskop einen Blick auf den Altar werfen und der Messe lauschen.

Nach einem herzlichen Dankeschön an Pastor Grundmann und nach einem Mittagessen in einem kleinen Restaurant in Holtland ging dann weiter zur Klosterstätte Ihlow.

Auf dem Weg zur Klosterstätte berichtete Dieter E. im Ihlower Wald anhand einer Kunstinstallation über dem Mythos der „Friesischen Freiheit“, ein in 27 Bestimmungen – den sog. „Küren“ – gefasstes Recht, niemand außer dem König oder dem Kaiser verpflichtet zu sein. Dieses Recht wurde den Friesen angeblich von Karl d. Gr. für ihre Tapferkeit in Kämpfen gegen die räuberischen Wikinger verliehen.

Von ehemals 35 ostfriesischen Klöstern ist heute keines mehr vorhanden. Nach der Reformation haben die zumeist zum neuen Glauben gewechselten in Ostfriesland herrschenden Häuptlingssippen die Klöster geplündert und dem Erdboden gleich gemacht. Von sechs Klöstern kennt man lediglich die Namen, die jeweilige Lage konnte in einigen Fällen nur anhand gefundener Ziegelsteine im Klosterformat erahnt werden.

Kloster Ihlow war das bedeutendste Kloster im Nordwesten. Hier wurden die Dokumente und das Siegel des „Upstalsboom-Bundes“, der Vereinigung der friesischen Seelande, sowie der Brokmerbrief, das Gesetzbuch des Brokmerlandes aufbewahrt. Damit kam dem Kloster in allen Rechtsfragen die oberste Instanz zu. Von all diesen Urkunden sind nur zwei erhalten geblieben. Die ostfriesischen Grafen und später die Preußen haben bei der Beseitigung der Klöster ganze Arbeit geleistet.

Seit den 1980er Jahren hat man durch systematische Grabungen einige Fundamentreste der 68 m langen und 35 m breiten backsteingotischen Klosterkirche freilegen können. Daraus ließen sich der Kirchengrundriss und die Position und Form der Bündelpfeiler rekonstruieren. Die ehemaligen Außenmauern sind jetzt durch Efeuhecken nachgebildet, die Pfeiler wurden etwa 1½ m hoch neu errichtet. Einen recht guten Eindruck von dem früher aus dem Wald aufragenden Kirchenbau erhält man durch die 2005-2009 aus Stahl und Holz errichtete 45 m hohe sog. „Klosterkirchen-Imagination“.

Nach Kaffee und Kuchen im Kloster-Café ging es dann nach Suurhusen mit dem schiefsten Kirchturm der Welt. Das Langhaus der Kirche stammt aus dem 13. Jh., der Turm wurde erst im 15. Jh. angebaut. Mit der westlichen Hälfte seiner Grundfläche steht der Turm auf weichem Boden, so dass er sich nach Westen neigt. 1885 wurde die Neigung erstmals dokumentiert. Bei einem Überhang von 2,16 m wurde die Kirche 1970 aufgegeben und geschlossen. Als man sich im „Europäischen Denkmaljahr“ 1980 wieder für die Kirche interessierte; betrug der Überhang bereits 2,34 m. 1982 erfolgte eine erste, allerdings erfolglose Sanierung. Bei einem Überhang von 2,39 m drohte 1989 das westliche Giebeldreieck abzustürzen. So wurde erneut eine sehr umfangreiche Sanierung nötig. Seit 1996 scheint nun die Senkung bei einem Überhang von 2,43 zum Stillstand gekommen zu sein.

Der Tag endete für die Ausflügler nach der Rückfahrt über die A 31, A 28 und die B 75 erst nach 21:00 Uhr.

Dieter Engbrodt

         

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